Probleme der Gefangenschaftshaltung von Delfinen
Viele Trainer und Trainerinnen in den Delfinarien sind der Meinung, dass die Delfine
die Abwechselungen des Trainings und die Vorstellungen brauchen, um gesund zu bleiben.
Dies ist sicher richtig. In Freiheit allerdings bietet die Umwelt und der Kontakt mit
anderen Delfinen genug Reize, um nicht auf ein „Beschäftigungsprogramm" angewiesen
zu sein. „Mit Menschen umzugehen, Kunststücke zu lernen und vorzuführen mag das
Gefühl der Leere lindern und für die Tiere ein kleiner Ersatz für die Gemeinschaft sein,
der sie vor ihrer Gefangenschaft angehörten. Und es mag scheinen, als ob sie während
der Shows mit Enthusiasmus bei der Sache sind. Und doch erinnert das ganze Arrangement
stark an Gefangene, die Tüten kleben »dürfen«, auf dem tristen Gefängnishof eine
Runde drehen oder eine halbe Stunde Fußball spielen." Ich denke, diese Beschreibung
trifft die Situation in den Delfinarien sehr genau, obwohl es zwischen einzelnen Delfinarien,
was Ausstattung, Größe und Umgang mit den Tieren betrifft, teilweise bedeutende
Unterschiede gibt.
Die relativ kleinen Becken bieten den Tieren nur wenig Rückzugsmöglichkeiten und
Bewegungsfreiraum. Eine Delfingruppe in einem Delfinarium ist dazu gezwungen
zusammenzuleben. Dies führt dazu, dass die normalerweise variable und nicht stark ausgeprägte
Rangordnung in der Gefangenschaft in eine Hackordnung umschlägt. Schwache
oder unterlegene Tiere haben nicht die Möglichkeit, den dominanten auszuweichen und
die Nahrung an anderen Orten zu jagen. Alle Delfine müssen sich ihren Fisch beim
Trainer abholen. Diese Situation führt schnell zu Dauerstress. Der eingeengte Lebensraum
führt außerdem zu Veränderungen im Verhalten der Tiere. Statt wie im Meer
mehrere Kilometer zu schwimmen, zu jagen und mit anderen Delfinen zu spielen, sind
die Tiere nun gezwungen, sich zum Menschen hin zu orientieren und ihr Leben in einem
kleinen Wasserbecken zu verbringen. Dies führt zu stereotypischen Verhaltensweisen,
wie dem ständigen im Kreis schwimmen. Besonders der Schwertwal, leidet unter der
Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit in Gefangenschaft. Aufgrund seiner Körpergröße
von bis zu 9 Metern, erscheint dem Schwertwal selbst ein für andere Delfine
großes Becken als sehr klein. Außerdem bedeutet Gefangenschaft für Schwertwale immer
den Verlust von Gemeinschaft, da sie zu groß sind, um mehr als zwei Tiere in einem
Becken halten zu können. In freier Natur hingegen schließen sich Schwertwale zu Familiengruppen
mit etwa zehn Mitgliedern zusammen.
Verschärft wird die Situation besonders in den großen Meeresparks, wie Sea World,
durch den Dauerbetrieb. Kaum ist die eine Vorstellung beendet, werden die Besucher
hinausgebeten und wenige Minuten später werden die ersten Besucher für die nächste
Vorstellung eingelassen. Die Musik setzt nicht einen Moment aus und die ständigen
Menschenmassen sind eine weitere Lärmquelle. Akustisch unzureichend isolierte Pumpund
Filteranlagen können die Geräuschkulisse weiter erhöhen.
Gerade aber permanenter Lärm bedeutet für die Delfine, die stark akustisch orientierte
Tiere sind, weiteren Stress. Der angesehene Delfinexperte Dr. Kenneth Norris erklärte
schon 1963: „Stress ist das schwierigste gesundheitliche Problem, dem wir uns gegenübersehen,
wenn wir Delfine in Gefangenschaft halten, besonders wenn sie intensiv
trainiert werden". Die Lebensumstände in Delfinarien können sogar zu so großen
Aggression zwischen den Tieren führen, dass diese sich gegenseitig töten. Im August
1989 starb in Sea World San Diego vor den Augen des Publikums das Schwertwalweibchen
Kandu. Ein anderer weiblicher Schwertwal namens Corky, welcher kurz zuvor nach
San Diego gebracht worden war, rammte mit voller Kraft die kleinere Kandu. Der Stoß
war so stark, dass ihr Kiefer brach und sie zu Boden sank und starb. Im inzwischen ge-
schlossenen Delfinarium im Hamburger Tierpark Hagenbeck starb 1992 während
Rangordungskämpfen, wie der Zoo-Direktor meinte, der junge Große Tümmler Sindbad.
Aber selbst, wenn es nicht zu gegenseitigen Attacken der Tiere kommt, bleibt der Stress
nicht ohne gesundheitliche Auswirkungen. Bezeichnenderweise erkranken Delfine häufig
an Krankheiten, die auch den stressgeplagten Zivilisationsmenschen heimsuchen:
Magengeschwüre, Herzinfarkte, Krebs, Störungen der Abwehrkräfte und Infektionen.
Der ständige Kontakt mit dem Menschen und die künstliche Umwelt, in der die Delfine
leben, sind weitere Quellen für Krankheitserreger.
Ein Problem allerdings bereitet den Betreibern von Delfinarien besonders großes
Kopfzerbrechen: Die Fortpflanzung der Delfine in Gefangenschaft. Jungtiere werden
immer wieder in Gefangenschaft geboren, allerdings gibt es häufig Totgeburten oder die
Jungtiere überleben die ersten Monate nicht. In Münster z. B. gab es 1980, 1981, 1983
und 1985 Delfingeburten, allerdings überlebte keines der Jungtiere die ersten Wochen.
Heute weiß man, dass der Show-Betrieb sich nur schlecht mit der Aufzucht verbinden
läßt. Deshalb verfügen heute viele Delfinarien über getrennte Bereiche für die Vorstellungen
und für die Aufzucht. Aber selbst heute ist die Aufzucht eines jungen Delfins
schwierig und gelingt bei weitem nicht immer. Der jüngste zur Zeit in Deutschland
lebende Delfin ist der Große Tümmler Duke, der im Jahr 2001 in Duisburg geboren
wurde.
Man vermutet, dass die hohe Jungtiersterblichkeit damit zusammenhängt, dass viele der
Delfine in den Delfinarien keine Erfahrung bei der Aufzucht von Nachkommen haben.
Außerdem kann davon ausgegangen werden, dass der Stress, dem die Tiere ständig
ausgesetzt sind, ebenfalls Auswirkungen hat. Anders kann kaum die Tatsache erklärt
werden, dass die Hälfte der Geburten in amerikanischen Delfinarien Totgeburten sind.83
Aber nicht nur die Lebenserwartung der neugeborenen Delfine ist gering. Schwertwale
beispielsweise überleben einer US-Studie der Meeressäugerforscher Douglas DeMaster
und Jeannie Drevenak zufolge vom Tag ihrer Gefangenschaft an gerechnet durchschnittlich
13 Jahre in Gefangenschaft. Anderen Berechnungen zufolge überleben Delfine in
Gefangenschaft durchschnittlich sieben Jahre. In einzelnen Fällen kommt es vor, dass
Delfine älter werden als ihre Artgenossen in freier Wildbahn. Dies sind allerdings (leider)
Ausnahmen. Ein Beispiel für eine solche Ausnahme ist der Beluga Ferdinand, der
inzwischen ein Alter von 33 Jahren erreicht hat und der Jacobiter-Delfin Jogi, inzwischen
29 Jahre alt. Beide Tiere habe ich im Zoo Duisburg kennengelernt.
Insgesamt kann man festhalten, dass sich die Lebensumstände der Zahnwale in Gefangenschaft
in den letzen Jahrzehnten sicher gebessert haben. Allerdings bedeutet dies noch
lange nicht, dass es ihnen auch gut geht.
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