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Die Dressur eines Delfins

Zwischen den Delfintrainern und ihren Delfinen besteht ein besonderes Verhältnis: Neben den Militärdelphinen ist dies das einzige Verhältnis, bei dem der Delfin vollständig vom Menschen abhängig ist. Der Delfin wird von ihm mit Nahrung versorgt, der Mensch beschäftigt sich mit dem Delfin und er trägt Sorge dafür, dass der Lebensraum des Delfins sauber bleibt. Im Zentrum dieser Beziehung stehen die täglichen Delfin-Vorführungen und das damit verbundene Training, welches ich im folgenden beschreiben werde.

Delfine gehören zu den Tiergruppen, die relativ leicht zu dressieren sind. Dies liegt zum einen daran, dass sie so gut wie nie Einzelgänger sind, sondern in Freiheit in kleineren oder größeren Gruppen, den sogenannten Schulen, zusammenleben. In Delfinarien schließen sie sich deshalb mehr oder weniger bereitwillig dem Menschen an, da er ihnen ihre Nahrung bringt und gelegentlich mit ihnen spielt. Außerdem sind Delfine intelligent und dem Menschen gegenüber nicht feindselig. Während des Trainings erahnen sie vergleichsweise schnell, was der Trainer gerade von ihnen verlangt und behalten einmal gelernte Dinge über längere Zeit.

Mit dem Training eines neugeborenen Delfins kann begonnen werden, sobald er sich hauptsächlich von Fisch ernährt und kaum noch gesäugt wird. Aus dem Meer gefangene Delfine müssen sich erst an die Gefangenschaft gewöhnen und toten Fisch aus der Hand von Menschen akzeptieren. Dies ist ein schwieriger Prozess; viele Tiere sterben während des Fangs oder kurz danach.
Sobald der betreffende Delfin, ob nun in einem Delfinarium geboren oder gefangen, begonnen hat, toten Fisch zu fressen, kann mit dem Training begonnen werden. Weltweit wird dabei die Methode der sogenannten operanten Konditionierung angewendet. Diese Methode, welche auf den amerikanischen Verhaltenspsychologen B. F. Skinner zurückgeht, arbeitet nicht mit Zwang oder Bestrafung, sondern mit Belohnung. Deshalb wird sie auch zur Unterscheidung von der Zwangsdressur Positivdressur genannt, da positives, also erwünschtes Verhalten belohnt, unerwünschtes Verhalten hingegen ignoriert wird. Die Tiere gehorchen also dem Trainer nicht aus Zwang, sondern weil sie sich eine Belohnung erhoffen. Sie sind (scheinbar) die „Operateure" des Vorgangs, deshalb operante Konditionierung.

Die Belohnung wird den Delfinen in aller Regel in Form von Nahrung, also Fisch, gegeben. Der Fisch als Belohnung hat allerdings einen entscheidenden Nachteil. Er kann dem Delfin nicht immer direkt gegeben werden, wenn er eine Übung in gewünschter Weise durchgeführt hat. Dies würde eine enorme Aufmerksamkeit und auch eine gute Zielgenauigkeit des Trainers erfordern, da er dem Delfin jedes Mal den Fisch im richtige Augenblick genau zuwerfen müsste.
Deshalb benutzt man eine sogenannte „Brücke". Ihre Bedeutung lernt ein Delfin als Erstes kennen. Die Brücke ist irgendein Signal, welches dem Delfin anzeigt, dass die jeweilige Übung zur Zufriedenheit des Trainers beendet ist. Er schwimmt draufhin zum Trainer und holt sich die eigentliche Belohnung, den Fisch, ab. Die Brücke überbrückt also den Zeitraum zwischen dem Ende der Übung und der eigentlichen Belohnung. Als Brücke wird bei Delfinen normalerweise ein Piff auf einer Pfeife mit hohem Ultraschallanteil. eingesetzt. Die Bedeutung der Brücke kann einem Delfin sehr einfach beigebracht werden. Der Trainer pfeift während der Fütterung vor jedem Fisch kurz und bald darauf weiß der Delfin, nach einem Pfiff gibt es Fisch. Nun kann mit dem eigentlichem Training für die Vorstellung begonnen werden.

Man beginnt mit einfachen Dingen, wie z. B. einem Sprung. Am Anfang pfeift der Trainer jedes Mal, wenn der Delfin aus dem Wasser springt. Später werden für niedrige Sprünge keine Belohnungen mehr verteilt. Dies führt zu einer kurzzeitigen Verwirrung des Delfins, aber sehr bald merkt er, dass es nur noch für hohe Sprünge Fisch gibt und er wird sich bemühen, möglichst hoch zu springen. Ertönt kein Pfiff, zeigt der Delfin den Sprung noch einmal und der Trainer hat so Gelegenheit, jedes Detail der Bewegung nach seinen Wünschen zu beeinflussen, indem er genau dann pfeift, wenn der Delfin sich wie gewünscht verhält.

Andere Dinge, wie zum Beispiel das Balancieren eines Balls auf der Schnabelspitze, sind für Delfine weitaus schwieriger. Das Balancieren eines Balls können die Delfine nicht von Natur aus. Sie müssen es lernen, wie der Mensch beispielsweise Fahrrad fahren oder Schwimmen lernen muss. Daher werden solche Übungen, wie Balancieren, Synchronsprünge mehrerer Delfine und ähnliches in kleine Teile aufgetrennt und einzeln geübt.

Am Beispiel des Ball-Balancierens beschreibe ich dies einmal genauer. Zuerst wird dem Delfin, während er sich am Beckenrand befindet, der Ball einfach auf den Schnabel gelegt. Der Ball fällt natürlich sofort herunter und landet im Wasser. Trotzdem pfeift der Trainer und gibt dem Delfin einen Fisch. Nach mehreren Wiederholungen hat der Delfin verstanden, dass er den Ball mit der Schnabelspitze berühren soll. Wird der Ball nun ins Wasser geworfen, schwimmt der Delfin zum Ball und stößt ihn in der Regel in irgendeine Richtung. Zunächst wird der Delfin jedes Mal belohnt, später nur noch, wenn er den Ball Richtung Trainer befördert. Sobald der Delfin dies beherrscht, gibt es nur noch Fisch, wenn er sich dem Ball von unten nähert und kurz aus dem Wasser hebt. Indem man jeden kleinen Fortschritt in Richtung des gewünschten Übungsziels belohnt und viel Geduld aufbringt, wird der Delfin irgendwann den Ball mit seinem Schnabel aus dem Wasser heben und auf der Schnabelspitze balancierend zum Trainer z urückbringen. Der letzte Schritt der Ausbildung besteht darin, die Übung mit einem Kommando, in der Regel ein bestimmtes Handzeichen, zu verbinden. Führt der Delfin schließlich die Bewegung auf das Handzeichen hin zuverlässig aus, kann sie in das Programm der „Show" aufgenommen werden. Aber auch später, während der Vorstellungen wird nach jeder Übung der gewohnte Pfiff ertönen, was für den Delfin zum einen „gut gemacht" bedeutet und, noch viel wichtiger, das Signal zum Fisch-abholen ist.

Trotz der Methode der operanten Konditionierung gibt es auch Formen der Strafe, welche eingesetzt werden, falls ein Tier sich widerspenstig verhält und nicht mitarbeitet oder permanent stört. Der Trainer zieht sich mit dem Fischeimer für eine bestimmte Zeit aus dem Sichtbereich des Tieres zurück. Das betreffende Tier arbeitet in aller Regel bald darauf wieder mit, da es ganz einfach sein Futter verschwinden sieht. Andere Formen der Bestrafung, wie systematischer Futterentzug, Isolation oder Schläge werden meines Wissens nach in Deutschland nicht und in anderen Ländern nur höchst selten eingesetzt, da sie dem Delfin dauerhaften Schaden zufügen können und sehr schnell den Tatbestand der Tiermisshandlung erfüllen.

Die Kunst eines guten Trainers besteht also darin, Kunststücke in kleinste Teile zu zerlegen und diese mit den Delfinen immer wieder zu üben. Es ist unabdingbar, dass der Trainer seine Tiere genau kennt und die Tiere Vertrauen zu ihm haben, da sie gerade keine Roboter sind, welche auf Kommando einen Bewegungsablauf mit Präzision ausführen. Jedes Tier ist ein Individuum mit eigenen Vorlieben und Verhaltensweisen.

Seit etwa 15 Jahren sind die meisten Delfinarien von der Position abgerückt, eine perfekte Show zu zeigen. Man möchte den Zuschauern auch Wissen über die jeweiligen Tierarten vermitteln. Unter diesen Aspekt fällt auch die Entscheidung, nicht mehr ausschließlich vollendete Übungen zu zeigen, sondern dem Besucher die Gelegenheit zu geben, die im Training erzielten Lernfortschritte zu beobachten.

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